Blutiger Mischwald
Eine Gründungsgeschichte
Ich sage euch wie das war. OMP. B. Amok-Olli. Ich. Couch. Rauch. Kiff. Das Übliche. Niemand hat das geplant, niemand plant sowas, und wenn jemand sagt er hat sowas geplant dann lügt er oder er hat es versaut.
Wir redeten über Musikunterricht. Über Rausfliegen. Über Noten, die keiner lesen wollte. B konnte Klavier, das haben wir ihm nie ganz verziehen. Und dann – ich weiß nicht mehr warum, ich weiß nie mehr warum – dann sagte ich es:
Wenn ich einen Ton von mir gebe mache ich Musik.
Stille. Rauch. Und dann OMP, der nickte, als hätte ich gerade die Schwerkraft erklärt.
Das war die Gründung. Kein Protokoll, keine Unterschriften, kein Proberaum. Proberäume sind für Leute, die üben wollen. Wir wollten nicht üben. Üben setzt voraus, dass es ein Richtig gibt. Es gibt kein Richtig.
Es gab drei Regeln.
Erstens: herkömmliche Instrumente nur, wenn defekt. Zweitens: wer ein Instrument beherrscht, darf alles spielen, nur nicht das Instrument. Drittens: keine Proben.
B also – B, der wirklich Klavier konnte, der die Noten kannte und die Finger dazu hatte, wieselflink – B durfte alles anfassen. Nur nicht die Tasten. Das Talent wurde enteignet und woanders eingesetzt, wo es sich nicht auskannte, wo es stolperte und sich die Hände aufschlug. Wo es wieder fiebrig wurde. Wie wir alle.
Das Arsenal: Metall. Schrott. Kaputte Instrumente. Rückkopplungen. Megaphone. E-Gitarre. Bass. Korg Polysix.
Der Kassettenrekorder von Amok-Olli machte beim Aufnehmen ein Geräusch als würde jemand eine Katze durch ein Fax schicken – ein hohes, schleifendes Sirren das sich über alles legte wie Schimmel über altes Brot. Dieses Geräusch ist auf jedem unserer Stücke. Wir nannten es den Grundton.
1980, West-Berlin. Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten spielen mit Bauschutt, Metallrohren, Presslufthammer.
Name: Blutiger Mischwald. Warum? Weil es so klingt als würden wir klingen. Weil niemand davon abriet. Weil es drei Uhr nachts war.
Erstes Konzert: Küche. Publikum: keins. Dauer: solange bis der Nachbar klopfte. Wir spielten weiter. Er klopfte nochmal. Wir spielten lauter. Das war unsere Kunstphilosophie, komplett und fertig, in sieben Minuten.
Die anderen nannten mich Sven Skorbut, oder ich nannte mich selbst so, ich erinnere mich nicht mehr genau, und das ist auch richtig so. Skorbut – die Krankheit der Seemänner, die zu lange auf See sind und kein Vitamin C kriegen, deren Zähne ausfallen, deren Wunden nicht heilen, die langsam verfaulen aus Mangel an dem was nötig wäre. Das Schwinden als Zustand. Die Ermangelung von Talent als Technik. Das Fiebrige war einfach da, das bringt man nicht bei.
In New Hampshire zwang ein Vater seine drei Töchter eine Band zu gründen. Keine Ausbildung, kein Talent. Das Ergebnis klang als würden drei verschiedene Songs gleichzeitig gespielt. Frank Zappa sagte, sie seien besser als die Beatles. Die Band hieß The Shaggs.
OMP schrieb die Texte. Fast alle. Er sang – und das war wirklich Gesang, da war Melodie, da war eine Stimme die wusste was sie tat und wohin sie wollte. Ich schrie. Oder ich zerstörte den Rhythmus, wenn einer aufkam, was selten vorkam und wenn, dann nicht lange. Zwischen Text und Mikrofon passierte etwas für das es keine Notenschrift gibt. Das war meins. Das war Sven Skorbut.
1952 betrat John Cage die Bühne und spielte vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lang nichts. Das Husten im Publikum. Der Wind. Der Stuhl. Cage nannte es 4’33’‘. Wir hätten es einen guten Abend genannt.
Dodo, BoLee, Sister A., Gitarren-Uwe. OMP. Sven Skorbut. Amok-Olli.
Und das Publikum. Immer, wenn es welches gab. Das Publikum war kein Publikum. Es wurde reingezogen, provoziert, bespielt, angeschrien. Manchmal bespuckt, im übertragenen Sinne, manchmal nicht.
Keine Bühnen. Von Baugerüsten, vier Ebenen, Lärm nach unten. Oder mittendrin, ohne Abstand, ohne Ankündigung. Wer da war, war drin, ob er wollte oder nicht.
Folklore im Garten, Wiesbaden. Samstag, 12 Uhr mittags.
Keine Ankündigung. Geraffel aufs Gerüst, vier Ebenen, keiner wusste was der andere macht, das war so abgemacht, also nicht abgemacht, das war einfach so. Dann schrie einer. Irgendwer. Vielleicht ich.
Infernales Soundgebrei. Eine halbe Stunde, vielleicht eine Stunde, niemand hat auf die Uhr geschaut, wer schaut da auf die Uhr. Höhen und Tiefen. Erschöpfung und Ekstase und wieder von vorn. Und OMP, immer wieder OMP, der schrie und flüsterte und jammerte und brabbelte:
„Du gehörst zu mir wie der Name an der Tür.”
Liebeskummer. Er trug ihn raus in die Welt, ungefragt, in die Menge die nicht gekommen war um das zu hören. Am Ende, nach allem, sagte er nur noch:
„Du blöde Sau.”
Heute nicht mehr denkbar. Damals: zwingend.
Atelier Bratwurst, Schlachthof Wiesbaden.
Wir hatten das Atelier Bratwurst. Schlachthof Wiesbaden, Gartenfeldstraße, ein Ort der nach allem roch was er gewesen war.
Wände die schon alles gehört hatten. Wände die sich nicht beschwerten.
Das Leid der Tiere. Das Sterben, das endlose Sterben – Blut und Innereien, Jahr für Jahr, Tier für Tier, eingesogen in diesen Boden, in diese Wände, in die Luft die wir atmeten während wir spielten. Unser Lärm war freiwillig. Das andere war keins von beidem. Wir spielten darüber. Buchstäblich.
Unzählige Mikrokonzerte. Man war da oder man war nicht da, es gab keine Ankündigung und keinen Einlass und keinen Ablauf, die Konzerte passierten einfach wie Wetter. Dazwischen: Leidzeigungen.
Keimzelle. Brutstätte. Legendär – zumindest für mich.
Die Beatles spielten ihr letztes Konzert 1966 in San Francisco. Keiner wusste dass es das letzte war. Die Pixies lösten sich 1993 per Pressemitteilung auf, die Sängerin Kim Deal erfuhr es aus den Nachrichten. Joy Division endeten mit dem Tod von Ian Curtis am 18. Mai 1980, dem Vorabend ihrer ersten Amerika-Tour – er hatte sich in der Küche erhängt, Iggy Pop lief auf dem Plattenspieler. The Shaggs spielten bis der Vater starb, dann hörten sie auf. Hundert weitere Bands deren Namen hier stehen könnten: aufgehört wegen Streit, wegen Geld, wegen Erschöpfung, wegen eines Umzugs, wegen eines Kindes, wegen nichts Bestimmtem. Die meisten enden nicht. Sie hören einfach auf.
Irgendwann, Jahre nach den 48h Kunst los, schlossen wir Frieden. Schlossen das Atelier. Schlossen ab mit der Band. Jeder ging seines Weges.
Den Mitschnitt von Folklore im Garten kann man finden, in den Untiefen des Internets, wenn man weiß wo man sucht und warum. Und in den Erzählungen von Sven Skorbut und BoLee und B und Dodo und Amok-Olli und all den anderen – jeder hat seine Version, jeder erinnert anders, jeder hat sein eigenes Soundgebrei im Kopf. Wenn man die Geschichten zusammensetzen würde, alle, ohne Rücksicht auf Chronologie oder Wahrheit, wäre man wieder in der WG, auf der Couch, die Luft zum Schneiden, getränkt von Schweiß und Kiff und Übermut, und einer, einer würde aufstehen, würde die Stimme erheben, würde sagen –
Die Stimmung der Dinge
Das Chaos ist das älteste Material. Die Musik greift hinein und ordnet, was sie berührt – ein wenig, vorübergehend, unwiderruflich. Das geschieht immer, auch wenn das Stück misslingt.
Der Musikwissenschaftler F. beschäftigte sich sein Leben lang mit der Frage, was Musik voraussetzt. Er kam zu dem Schluss: Unordnung. Sie braucht etwas, das sie formen kann. Wo bereits Ordnung herrscht, hat jemand zuvor gespielt. F. veröffentlichte diesen Gedanken nicht. Er hielt ihn für zu einfach.
Die alten chinesischen Kosmologen dachten in Übergängen. Musik war für sie kein Werkzeug, das auf etwas zielt, sondern ein Prozess, der sich entfaltet — wie die Jahreszeiten, wie das Verhältnis von laut und leise, von Fülle und Leere. Nichts existiert für sich. Jedes Ding ist nur in Relation zu einem anderen das, was es ist. Die vollkommene Musik begreift das. Sie lässt hervortreten, was im Chaos bereits angelegt war.
Die Band Blutiger Mischwald überantwortet sich dem Prozess, nimmt das Chaos wie es kommt und lässt es durch sich hindurch. Die Spielenden und das Material erschöpfen sich gemeinsam. Das Verstummen am Ende ist kein Versagen — es ist der Punkt, an dem beides aufgebraucht ist. Was bleibt, liegt zwischen allem, was im Raum gleichzeitig existiert: Spielende und Publikum befinden sich, für einen Moment, in derselben Stimmung. Man nennt das Frieden. Es ist kein Zustand. Es dauert an, solange die Musik andauert. Dann endet es. Das Chaos kehrt zurück, geordneter als zuvor.
Service
Internet Archive: Blutiger Mischwald
METALABOR
Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)
Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.











Hört sich nach frühen Neubauten an, wirklich sehr inspirierend🫶🏽