Rendezvous mit einem Gespenst
Acht Minuten, drei Tage, Paris
Prolog
1976 hat ein Mann eine Kamera an die Stoßstange eines Mercedes geschraubt und ist durch Paris gerast. Acht Minuten. Keine Schnitte. Rote Ampeln ignoriert, Einbahnstraßen falsch herum, zweihundert Stundenkilometer auf der Avenue Foch, quietschende Reifen am Place de la Concorde, Fußgänger, die zur Seite springen, ein Hund, der an der Leine zerrt, ein Straßenkehrer, der sein Leben rettet. Am Ende, oben auf dem Hügel von Montmartre, vor Sacré-Cœur, wartet eine Frau. Er steigt aus. Sie küssen sich. Abblende.
Der Mann hieß Claude Lelouch. Regisseur. Der Film hieß C’était un rendez-vous. Acht Minuten, achtunddreißig Sekunden. Lelouch wurde verhaftet, der Film beschlagnahmt, dann freigegeben, dann Kult. Die Frau hieß Gunilla Friden, schwedisches Model, damals seine Freundin. Die Beziehung hielt nicht.
Ich hatte einen Plan. Einen roten Strich-Achter, wie ich ihn vor Jahren mal besaß, Frankfurt-Paris, dann die Route abfahren, der Film als Partitur, der Mercedes als Instrument. Ein guter Plan. Ein romantischer Plan. Ich verwarf ihn. Ich nahm den Schnellzug, vier Stunden, Großraumwagen, ein Sandwich aus Plastik. In Paris eine Airbnb, vierter Stock ohne Aufzug, das Bett zu kurz, die Dusche ein Rinnsal. Am nächsten Morgen wollte ich los, drei Stunden die Strecke ablaufen, das war der neue Plan, der vernünftige Plan.
Die Avenue Foch um sechs Uhr morgens, und die Breite dieser Straße ist eine Drohung. Haussmann wollte sie so, für Kanonen, für Kavallerie, für den Fall, dass das Volk wieder auf Ideen kommt. 1871 kam es auf Ideen. Die Kommunarden starben, nicht hier, hier ist zu breit zum Sterben, hier stirbt man nicht, hier marschiert man, hier paradiert man, hier fährt man durch. Der Schatten der Platanen fällt auf den Asphalt. Ich stehe. Ich stehe hier. Das ist schon der erste Fehler.
Vogelgezwitscher. Sonst nichts.
Zwölf Straßen führen vom Stern weg. Ich nehme irgendeine. Bergab. Schwerkraft.
Die Architektur ist die einfachste Methode, Zeit zu artikulieren. Debord hat das geschrieben, irgendwann, ich weiß nicht mehr wann, ich habe es mir notiert, der Zettel ist in meiner Tasche, zerknittert. Die Champs-Élysées artikulieren eine bestimmte Zeit: die Zeit der geraden Linie. Die Zeit des Fluchtpunkts. Die Zeit, in der alles auf ein Ende zuläuft, auf einen Punkt, auf ein Ziel. Ich gehe diese Zeit hinunter, gegen den Verkehr, auf dem Bürgersteig natürlich, aber gegen den Verkehr, gegen die Logik dieser Straße, die Logik sagt: schneller, schneller, ankommen. Die Touristen strömen, die Taxis hupen, die Metro spuckt Menschen aus und schluckt sie wieder, und ich gehe, gegen den Strom, ein Lachs der nicht weiß wohin, ein Lachs ohne Laichplatz, ohne Ziel, nur mit diesem zerknitterten Zettel in der Tasche, diesem Debord-Zitat, Architektur, Zeit, ich sehe es, ich gehe es, die Architektur artikuliert mich, nicht ich sie.
Ladurée. Cartier. Louis Vuitton. Tiffany. Unter der Markise von Tiffany ein Mann im blauen Schlafsack. Die Touristen sehen ihn nicht. Ich sehe ihn beinahe nicht. Ich gehe weiter.
Ampel rot. Warten. Alle anderen fahren.
Place de la Concorde. Der Obelisk. Dreitausenddreihundert Jahre alt, aus Luxor gestohlen, hier aufgestellt, 1836, als Geschenk getarnt, wie alle kolonialen Diebstähle als Geschenke getarnt sind. Hier stand die Guillotine. Ludwig XVI. Marie Antoinette. Danton. Robespierre. Der Platz hat alle gefressen, die Könige und die, die die Könige gefressen haben. Der Obelisk steht da und schweigt. Er hat schon Pharaonen sterben sehen. Stein kann warten.
Tauben. Brunnen. Kind. Das Kind rennt. Die Tauben flattern. Das Kind lacht. Wieder. Wieder. Wieder.
Ich setze mich auf eine Bank. Die Bank ist feucht. Ich setze mich trotzdem. Die Beine. Ich bin noch nicht lange unterwegs und schon die Beine. Das ist das Problem mit Plänen, die man am Schreibtisch macht: Am Schreibtisch hat man keine Beine. Am Schreibtisch ist alles leicht, alles machbar, drei Stunden, was sind drei Stunden, nichts, ein Vormittag, erledigt. Jetzt sitze ich auf einer feuchten Bank am Place de la Concorde und die drei Stunden dehnen sich vor mir wie die Avenue, die ich gerade heruntergekommen bin, endlos, gerade, ohne Abzweigung, ohne Gnade. Mein Rücken tut weh. Meine Füße tun weh. Mein Kopf tut weh, das ist der Kaffee, den ich nicht getrunken habe, der Kaffee bei Ladurée, acht Euro, ich hätte ihn trinken sollen, ich hätte mich setzen sollen, damals, vor einer Stunde, vor einem Jahr, vor einem Leben, als ich noch dachte, drei Stunden, was sind drei Stunden. Die Bank ist feucht. Der Himmel ist grau. Ich sitze.
Warum bin ich hier.
ein Motorrad Richtung Madeleine ein Bus Linie 72 ein Bus Linie 84 eine Frau mit zwei Hunden beide weiß ein Mann der telefoniert und im Kreis geht immer im Kreis der Schatten des Obelisken der sich nicht bewegt der sich nie bewegt der Brunnen der rauscht das Kind das immer noch rennt die Mutter die aufgegeben hat ein Taxi das hupt ein zweites das hupt ein drittes das nicht hupt das einfach fährt der Geruch von Abgas und Kastanien und irgendwo Kaffee den ich nicht trinke weil ich sitze und nicht aufstehen will noch nicht jetzt nicht eine Taube landet auf der Lehne neben mir schaut mich an mit diesem Taubenblick der nichts bedeutet der alles bedeutet der Obelisk schweigt immer noch die Pharaonen sind tot die Könige sind tot die Revolutionäre sind tot die Taube lebt ich lebe der Brunnen rauscht ein Bus Linie 72 derselbe oder ein anderer was weiß ich von Bussen was weiß ich von dieser Stadt was weiß ich überhaupt
Kalt. Die Bank ist jetzt kalt, nicht mehr nur feucht. Der Schatten des Obelisken reicht bis zur Rue Royale. Drei Stunden sollten es sein. Es ist Abend.
Arkaden. Säulen. Schatten. Säulen. Schatten. Säulen.
Die Rue de Rivoli ist eine Maschine. Sie nimmt dich auf an einem Ende und spuckt dich aus am anderen, und dazwischen passiert nichts, dazwischen sind nur Säulen, immer dieselben Säulen, immer derselbe Schatten, immer dasselbe Geräusch deiner Schritte auf dem Stein, und du gehst und gehst und die Säulen hören nicht auf und die Schatten hören nicht auf und du fragst dich, ob du dich bewegst oder ob die Straße sich bewegt und du stillstehst, eine Frage die keine Antwort hat, eine Frage die keine Antwort braucht, du gehst weiter, die Säulen gehen weiter, über kurz oder lang muss ein Ende kommen, irgendwann kommt immer ein Ende.
Eine Taube im Staub unter den Arkaden. Sie humpelt. Ein Bein fehlt.
Ich biege ab. Die Route sagt geradeaus. Ich biege ab.
Eine Technik des hastigen Durchquerens verschiedener Atmosphären. Nur dass ich langsam bin. Nur dass ich nicht weiß, welche Atmosphäre das hier ist. Hinterhof. Mülltonnen. Eine Katze, die verschwindet. Kein Tourist hat diesen Hof je gesehen. Kein Tourist will diesen Hof sehen. Ich stehe da und die Mülltonnen stehen da und die Katze ist weg und ich weiß nicht, warum ich hier bin, ich weiß nur, dass ich nicht mehr dort bin, wo ich war, und das reicht, für den Moment reicht das.
Zurück auf die Straße. Die Sonne ist raus. Wann ist die Sonne rausgekommen.
Palais-Royal. Die Säulen von Buren, schwarzweiß gestreift, Kunst im öffentlichen Raum, 1986, ein Skandal damals, heute Fotomotiv, Instagramkulisse, die Mädchen sitzen auf den Säulen und lächeln und die Handys klicken und niemand weiß mehr, dass das mal Kunst war, dass das mal jemanden aufgeregt hat, dass Leute Briefe geschrieben haben, wütende Briefe, an die Zeitung, an den Präsidenten, wie kann man so etwas erlauben, diese Säulen, diese Streifen, im Palais-Royal, eine Schande. Jetzt sitzen die Mädchen drauf. Die Kunst hat verloren. Oder gewonnen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.
Kaffee. Endlich. Ein Euro achtzig am Tresen. Ich trinke ihn im Stehen. Er ist heiß und bitter und viel zu stark und genau richtig.
Die Passage Vivienne. Das Dach aus Glas. Das Licht von oben, gefiltert, weich, ein anderes Jahrhundert. Hier draußen die Stadt, laut, schnell, das 21. Jahrhundert. Hier drinnen: Stille. Buchhandlungen. Ein Geschäft für alte Globen. Eine Frau sortiert Postkarten, die niemand mehr schreibt. Ich gehe langsamer. Noch langsamer. Die Passage zwingt dich zur Langsamkeit, das ist ihr Trick, ihre Architektur, ihre Rache an der Geschwindigkeit. Benjamin hat über die Passagen geschrieben, das Passagen-Werk, tausend Seiten, nie fertig geworden, wie alle großen Bücher nie fertig werden, wie diese Stadt nie fertig wird, wie ich nie fertig werde mit dieser Stadt.
Am Ende der Passage ein Café. Ich nehme Platz. Ich bestelle nichts. Ich sitze nur.
was ich sehe: ein Mann mit Zeitung er liest nicht er hält nur die Zeitung eine Kellnerin die wartet nicht auf mich sie wartet auf niemand bestimmten sie wartet das Licht durch das Glasdach staubig golden das Parkett knarrt wenn jemand geht niemand geht gerade das Parkett knarrt nicht eine Fliege am Fenster das Summen eine Uhr ich höre sie nicht ich weiß dass sie da ist alle Cafés haben Uhren alle Uhren gehen falsch der Mann faltet die Zeitung er hat sie nicht gelesen er steht auf er geht das Parkett knarrt die Kellnerin wartet immer noch ich sitze immer noch die Fliege summt immer noch
Warum schreibe ich das auf. Ich weiß es nicht. Meine Hand schreibt. Ich schaue zu.
Aufgestanden. Weitergegangen. Die Passage spuckt mich aus in die Stadt und die Stadt ist immer noch da, laut, schnell, das 21. Jahrhundert, als wäre nichts gewesen, als wäre ich nie weg gewesen, als gäbe es die Passage nicht, als gäbe es das Glasdach nicht und den Mann mit der Zeitung und die Kellnerin, die wartet.
Opéra. Die Fassade. Gold und Stuck und Überladung und ich kann nicht mehr, ich kann diese Fassade nicht mehr, ich kann diese Stadt nicht mehr, ich will nach Hause, ich will in ein Bett, ich will die Augen zumachen und nichts sehen, keine Fassaden, keine Säulen, keine Passagen. Ich gehe weiter.
Boulevard Haussmann. Wieder die Schneisen. Wieder die Geraden.
Rue La Fayette. Lang. Endlos lang. Eine Straße, die gebaut wurde, um Menschen von einem Ort zum anderen zu bringen, die aber niemanden irgendwohin bringt, die nur lang ist, lang und gerade und leer, und meine Beine gehen und mein Kopf ist leer und die Straße ist lang. An einer Kreuzung eine Ampel. Sie ist kaputt. Sie blinkt orange, immer orange, immer. Ich bleibe stehen. Ich weiß nicht, ob ich gehen soll oder warten. Die Ampel weiß es auch nicht. Wir stehen beide da und blinken.
Ich überquere die Seine. Warum. Ich überquere sie.
Saint-Sulpice. Ein Platz, den ich nicht gesucht habe. Ein Brunnen. Eine Kirche. Bänke. Verweilen.
Bus 87. Ein Mann mit Kinderwagen. Der Kinderwagen ist leer. Zwei Tauben auf dem Brunnenrand. Eine Frau mit Einkaufstüten, Monoprix, sie setzt sich, sie steht auf, sie geht. Ein Mädchen mit Kopfhörern. Der Bus fährt ab. Ein anderer Bus, 63. Ein Hund an der Leine, der Hund wartet, der Mensch telefoniert. Die Tauben fliegen auf. Die Tauben landen. Ein Kind mit Eis. Das Eis tropft. Die Mutter wischt. Das Kind leckt. Das Eis tropft. Eine alte Frau füttert die Tauben, obwohl man das nicht darf, sie füttert sie trotzdem, die Tauben wissen das, die Tauben kommen, die alte Frau lächelt. Der Bus 87 wieder. Derselbe? Ein anderer? Der Mann mit dem leeren Kinderwagen ist weg.
Ich schreibe das alles auf. In ein Notizbuch, ein rotes, ein fast schon rostrotes Notizbuch. Meine Hand schreibt. Ich schaue zu. Später, viel später, werde ich lesen, dass jemand genau das getan hat, hier, auf diesem Platz, 1975, drei Tage lang, alles aufgeschrieben, die Busse, die Tauben, die Menschen, das Nichts, das passiert. Aber das weiß ich jetzt noch nicht. Jetzt schreibe ich nur. Jetzt sitze ich nur. Jetzt bin ich nur hier, auf diesem Platz, der nichts Besonderes ist, der alles ist. Schreiben.
Stunden. Oder Minuten. Der Schatten der Kirche hat sich bewegt. Ich habe mich nicht bewegt. Dann doch. Die Beine entscheiden. Ich gehe zurück, über die Seine, Richtung Norden, Richtung Pigalle. Warum Pigalle. Der Name vielleicht. Der Klang.
Pigalle bei Tag ist nicht Pigalle. Pigalle bei Tag ist ein Kater, der sich für den nächsten Rausch fertigmacht. Die Neonreklamen aus, blind, graue Kästen an grauen Fassaden. Die Sex-Shops mit heruntergelassenen Rollos, dahinter Stille, oder Staubsauger. Döner. Kebab. Ein Mann wischt die Theke, die Tür steht offen, der Geruch von Fett und Desinfektionsmittel kriecht auf den Bürgersteig. Ein anderer kehrt vor einem Pornokino, das Plakat über ihm zeigt eine Frau, die lacht, sie lacht seit Jahren, das Plakat ist ausgeblichen, die Sonne hat ihr Gesicht gefressen, sie lacht trotzdem. Die Tauben sitzen auf den toten Leuchtreklamen. Alles wartet. Der Bürgersteig wartet. Die Rollos warten. Die ausgeblichene Frau wartet. Die ganze Straße hängt durch wie ein Seil, an dem niemand mehr zieht.
Ampel. Rot. Grün. Rot. Ich stehe. Ich warte auf nichts. Nichts.
Die Neonreklamen gehen an. Eine nach der anderen. Rosa. Blau. Rosa. Die Stadt wechselt das Kostüm. Dieselbe Stadt. Eine andere Stadt. Das Spektakel beginnt, würde Debord sagen, aber das Spektakel hat nie aufgehört, das Spektakel war immer schon da, tagsüber, auch ohne Neon, das Spektakel ist nicht das Licht, das Spektakel ist der Blick, die Gier die kaufen will, das Ich das sehen will ohne zu sein.
Dann ist es Nacht geworden. Irgendwann auch Morgen.
Rue Lepic. Der Aufstieg beginnt. Kopfsteinpflaster, jeder Stein einzeln spürbar, die Beine vom Vortag, die Beine von vorgestern, die Beine die nicht mehr meine sind, die Beine die einfach gehen, weil sie nicht wissen was sie sonst tun sollen.
Ein Café hat offen. Gehe vorbei.
Van Gogh hat hier gewohnt. Rue Lepic 54. Eine Plakette an der Wand. Touristen fotografieren die Plakette. Van Gogh hat hier nicht gemalt, er hat hier nur gewohnt, mit seinem Bruder, zwei Jahre, bevor er nach Arles ging, bevor er sich das Ohr abschnitt, bevor er sich erschoss. Die Touristen fotografieren die Plakette.
Moulin de la Galette. Renoir hat es gemalt, 1876, tanzende Menschen, Sonnenlicht durch Blätter, das Glück eines Sonntagnachmittags, das Glück das es nicht mehr gibt, das es vielleicht nie gab, das Renoir erfunden hat, weil die Malerei das kann, das Glück erfinden, das die Wirklichkeit schuldig bleibt.
Stufen. Stufen. Stufen.
mein Atem der Schweiß auf der Stirn die Stufen die nicht aufhören wer hat diese Stufen aufeinandergehäuft und warum so viele eine Frau kommt mir entgegen sie geht hinunter ich gehe hinauf sie lächelt ich lächle nicht ich kann nicht lächeln ich kann nur atmen die Stufen die Stufen die Stufen ein Hund überholt mich der Hund ist schneller der Hund hat vier Beine ich habe zwei und beide tun weh tun weh und ich gehe weiter die Stufen ein Kind wird getragen das Kind hat es gut das Kind muss nicht gehen das Kind wird getragen ich werde nicht getragen niemand trägt mich die Stufen der Schweiß der Atem die Stadt unter mir die Stadt die kleiner wird die Stadt die ich hinter mir lasse Stufe für Stufe
Oben. Endlich.
Place du Tertre. Staffeleien. Maler die nicht malen. Touristen die wegschauen, schnell, bevor jemand fragt, ein Portrait Madame, der Herr, bevor sie nein sagen müssen. Portraits, zehn Euro, fünfzehn Euro, zwanzig mit Rahmen. Die Staffeleien warten. Die Maler warten. Ein Mann mit Baskenmütze lehnt an seiner Leinwand, die Arme verschränkt. Die Baskenmütze, Kostüm. Die verschränkten Arme, Pose. Der ganze Platz ist Bühne, und alle kennen ihre Rolle. Die Maler spielen Maler. Die Touristen spielen Touristen die keine Touristen sein wollen. Jeder weiß es. Niemand sagt es. Die Preislisten hängen an den Staffeleien, laminiert. Laminiert gegen den Regen, gegen den Schweiß der Hände, gegen die Zeit.
Ich setze mich auf den Rand eines Brunnens. Trocken. Tauben am Rand der Brunnenschale.
Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird. Debord. Place du Tertre. Die Maler sind das Bild. Die Touristen sind das Bild. Ich bin das Bild. Wir alle sind das Bild von etwas, das es nicht mehr gibt, das es vielleicht nie gab, das Montmartre der Künstler, das Montmartre der Bohème, gestorben vor hundert Jahren, begraben unter Staffeleien und Zehn-Euro-Portraits.
Kaffee. Vier Euro fünfzig.
Sacré-Cœur. Die weiße Kirche. Von hier aus sieht man alles. Die ganze Stadt. Die Dächer. Die Straßen. Den Eiffelturm in der Ferne. Den Dunst. Den Smog. Paris.
Sie haben die Kirche gebaut nach der Kommune. 1871. Die Kommunarden hatten Paris, für zweiundsiebzig Tage hatten sie Paris, dann kamen die Soldaten aus Versailles, dann kamen die Erschießungen, zwanzigtausend Tote, vielleicht mehr, niemand hat gezählt, niemand zählt die Toten der Verlierer. Die Sieger bauten eine Kirche. Zur Sühne, sagten sie. Zur Sühne für die Sünden der Kommune. Die Sünde, frei sein zu wollen. Die Sünde, Paris zu wollen. Die Kommunarden starben an der Mauer des Père Lachaise, auf der anderen Seite der Stadt. Die Sieger bauten hier oben, auf dem Hügel, diese weiße Kirche, die man von überall sieht, die man sehen soll, die sagt: Wir haben gewonnen. Wir werden immer gewinnen.
Ich stehe auf der Treppe. Unter mir die Stadt. Hinter mir die Kirche. Ein Mann spielt Gitarre. Schlecht. Hier hätte ich angehalten. Hier, genau hier, hätte der Strich-Achter gestanden, die alte Kutsche, zweitausend Kilo Blech, der Diesel noch warm, und ich wäre ausgestiegen, schwerfällig, wie man aus einem Strich-Achter aussteigt, und hätte mich umgedreht und die Stadt hätte unter mir gelegen und ich hätte gedacht: dafür. Dafür die ganze Strecke. Aber ich habe keinen Strich-Achter. Ich habe Blasen an den Füßen. Der Gitarrist spielt weiter. Ich stehe noch eine Weile.
Schatten auf den Stufen. Meiner. Anderer. Der Schatten der Kirche, der alles bedeckt.
Der Abstieg. Die andere Seite. Richtung Norden. Richtung Barbès. Richtung nirgendwo.
Hier kommen die Touristen nicht hin. Hier sind die Straßen anders. Enger. Lauter. Afrikanische Geschäfte. Arabische Bäckereien. Stoffhändler. Der Geruch von Gewürzen und Abgas und Leben.
Ampel. Rot. Ich gehe. Alle gehen. Hier wartet niemand.
ein Mann verkauft Uhren auf einem Tuch wenn die Polizei kommt rafft er das Tuch zusammen und rennt die Polizei kommt nicht er verkauft weiter Uhren zehn Euro fünfzehn Euro zwanzig zwei Männer spielen Domino auf einer Obstkiste die Steine klacken sie reden nicht sie spielen die Steine klacken lauter als die Straße Musik aus einem Fenster ich kenne das Lied nicht ich kenne kein Lied aus diesem Fenster ein Hund ohne Leine der Hund gehört niemandem der Hund gehört allen der Hund geht wohin er will ich gehe wohin ich will ich weiß nicht wohin ich will der Hund weiß es der Hund geht weiter ich folge
Ein Café. Kein Name. Keine Touristen. Plastikstühle auf dem Bürgersteig. Ich setze mich.
Thé à la menthe. Süß. Heiß. Das Glas verbrennt die Finger.
Der Kellner fragt etwas. Ich verstehe nicht. Er fragt noch einmal. Ich schüttle den Kopf. Er zuckt die Schultern. Er geht.
Ich sitze. Die Stadt geht vorbei. Ich sitze.
Irgendwann ist es wieder Abend.
EPILOG
Wieder zurück in Limburg. Drei Tage war ich verschollen, in diesem verdammten Dérive. Drei ganze Tage. Soviel zu Plänen und deren gelingen. Nun also zurück in Limburg. Zwischen Stadthalle und Rathaus haben sie einen Brunnen eingeklemmt, Pusteblume nennen sie ihn. Ich sitze auf einer Bank. Eine Taube auf dem Brunnenrand, eine, die man vergessen hat zu erwürgen. Neben mir ein Junge, er schaut auf sein Handy. Ein Video. Ich erkenne es. Die Avenue Foch. Die Fluchtlinien. Der Sound eines Motors.
Er schaut es zu Ende. Der Kuss. Er lächelt. Er steckt das Handy weg.
QUELLEN UND DATEN
Der Film
C’était un rendez-vous
Regie: Claude Lelouch
Frankreich, 1976
8 Minuten 38 Sekunden
Gedreht am 15. August 1976, ca. 5:30 Uhr morgens
Fahrzeug: Mercedes-Benz 450 SEL 6.9
Tonspur: Ferrari 275 GTB (nachsynchronisiert)
Fahrer: Claude Lelouch
Bücher
Guy Debord
La Société du Spectacle (Die Gesellschaft des Spektakels), 1967
Georges Perec
Tentative d’épuisement d’un lieu parisien (Versuch, einen Pariser Ort zu erschöpfen), 1975
Espèces d’espaces (Träume von Räumen), 1974
Walter Benjamin
Das Passagen-Werk, 1927–1940 (posthum 1982)
Personen
Claude Lelouch (*1937), Regisseur
Gunilla Friden, schwedisches Model, im Film zu sehen
Guy Debord (1931–1994), Situationist, Filmemacher
Georges Perec (1936–1982), Schriftsteller, Oulipo
Baron Haussmann (1809–1891), Stadtplaner, Zerstörer, Erbauer
Orte
Avenue Foch – Place de l’Étoile – Champs-Élysées – Place de la Concorde – Rue de Rivoli – Palais-Royal – Opéra Garnier – Boulevard Haussmann – Rue La Fayette – Place Pigalle – Rue Lepic – Place du Tertre – Sacré-Cœur
Place Saint-Sulpice (Perec, 1975)
Barbès (nicht im Film)
Musik
Air – “La femme d’argent” (1998)
Daft Punk – “Veridis Quo” (2001)
Kraftwerk – “Autobahn” (1974)
Léo Ferré – “Avec le temps” (1971)
Miles Davis – Ascenseur pour l’échafaud (1958)
Édith Piaf – “Padam… Padam…” (1951)
Yann Tiersen – “Comptine d’un autre été” (2001)
Ferrari 275 GTB — Tonspur von C'était un rendez-vous (1976)
Daten
1871: Pariser Kommune, 72 Tage, ca. 20.000 Tote
1875: Baubeginn Sacré-Cœur
1876: Renoir malt Bal du moulin de la Galette
1957: Gründung der Situationistischen Internationale
1967: Debord veröffentlicht Die Gesellschaft des Spektakels
1968: Mai
1972: Auflösung der Situationistischen Internationale
1975: Perec sitzt drei Tage am Place Saint-Sulpice
1976: Lelouch dreht C’était un rendez-vous
1994: Debord erschießt sich
Alle Bilder: Screenshots aus C'était un rendez-vous (Claude Lelouch, 1976), durch LLM-Werkzeuge verfremdet.
METALABOR
Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, nicht Gesagtes, nicht Getanes.
Vierter bis sechster September 2026, Grand Hotel Europa, Villmar (Lahn)
Anmeldungen sind noch möglich. Weitersagen sowieso.









Dieser Text wirft mich zurück nach Paris, ich stehe vor Notre Dame, ein paar Wochen vor dem Feuer war es, im Kopf habe ich einen Roman, der mittlerweile längst erschienen ist. Als die Kathedrale brannte, saß ich heulend vorm Fernseher. Lesend bin ich wieder in New York, in einer Seitengasse vom Broadway und kann den Blick nicht von einer Ratte auf einem blauen Müllsack lassen. Danach eine Stunde im Starbuck's auf eine weiße Wand starren, weil der Kopf von all der Hektik durchdreht. In Paris ist "Shakespeare and Company" meine Zuflucht vor dem Lärm. Der Schriftzug "Feed the starving writers" auf dem Boden. Der Perec in meinem Regal viel zu lange nicht mehr zur Hand genommen. Ebenso Peter K. Wehrlis Katalog von fast allem. Wenn ich unterwegs bin und der Zug auf freie Strecke hält, schreibe ich ähnlich. Von Graffiti, die an der Unterführung die Welt anklagen, und von blauen Leitern, die mitten auf einer Kuhwiese stehen und Rätsel aufgeben.